Die Klöster Sakya und Ngor: Orte der Tradition in Tibet und im Exil
Das Kloster Sakya im südlichen Zentraltibet steht für eine Tradition, die sich auch außerhalb Tibets verbreitet hat. Zu ihr gehört das Kloster Ngor, das als Zentrum einer eigenen Linie innerhalb der Sakya entstand. Die Geschichte beider Klöster, der Aufbau von Exilgemeinschaften und der Wiederaufbau in Tibet sind eng miteinander verbunden, müssen jedoch getrennt betrachtet werden.

Was ist das Kloster Sakya?
Das Kloster Sakya wurde 1073 im südlichen Zentraltibet gegründet. Mit ihm ist eine Lehr- und Ritualtradition verbunden, die Sakya-Gemeinschaften bis heute fortführen. Sie ist weder auf ein einzelnes Gebäude noch auf eine Region beschränkt.
Im Laufe der Zeit entstanden weitere Zentren, darunter Ngor. Dabei ist zwischen der Verwaltung eines Zentrums und seiner Lehr- und Ritualtradition zu unterscheiden: Eine gemeinsame Tradition setzt keine gemeinsame Verwaltung voraus.
Das Kloster Ngor: eine eigene Linie innerhalb der Sakya
Ngorchen Kunga Zangpo gründete 1429 das Kloster Ngor Evam Chöden als Zentrum einer eigenen Linie innerhalb der Sakya-Tradition. Zwischen den Gründungen der Klöster Sakya und Ngor liegen 356 Jahre.
Ngor ist in seiner Verwaltung vom Kloster Sakya unabhängig, folgt aber derselben Lehr- und Ritualtradition. Seine eigene Linie bildet daher keine eigenständige Schule.
Der Name Evam geht auf die Silben E und WAM zurück, die der Überlieferung zufolge mit einem Traum des Gründers verbunden sind.
Sakya im Exil
Nach 1959 verließen viele Geistliche der Sakya Tibet und bauten in Indien und Nepal ihre Gemeinschaften wieder auf. Der Ausdruck „Sakya im Exil“ bezeichnet diese Gemeinschaften außerhalb Tibets, deren Anfänge mit den Ereignissen nach 1959 zusammenhängen.
Diese Entwicklung ist von der Geschichte der Klöster in Tibet zu unterscheiden. Sie betrifft Menschen und Gemeinschaften an neuen Orten, nicht die im mittelalterlichen Tibet gegründeten Klöster.
Wiederaufbau der Klöster in Tibet
In Tibet erlitten Klöster im 20. Jahrhundert Schäden. Ein Teil wurde später wieder aufgebaut, doch nicht alle Orte wurden wiederhergestellt. Da die verfügbaren Angaben keine Datierung des Wiederaufbaus einzelner Gebäude erlauben, lässt sich diese Entwicklung nur im Überblick darstellen.
Der Wiederaufbau in Tibet betrifft zerstörte Klöster, der Aufbau in Indien und Nepal hingegen Gemeinschaften, die Tibet verlassen hatten. Beide Entwicklungen gehören zur Geschichte der Tradition im 20. Jahrhundert, sind aber unterschiedliche Vorgänge.
Sakya heute
Heute bestehen Sakya-Gemeinschaften in Asien, Europa und Nordamerika. Die Tradition ist somit auf drei Kontinenten vertreten und reicht weit über die Ursprungsregion des Klosters Sakya hinaus.
Die heutigen Gemeinschaften bilden keine einheitliche Institution. Ihre Verbundenheit beruht auf der gemeinsamen Lehr- und Ritualtradition, nicht auf einer gemeinsamen Verwaltung. Das zeigt auch das Verhältnis zwischen dem 1073 gegründeten Kloster Sakya und dem 1429 gegründeten Kloster Ngor: Beide teilen dieselbe Tradition, werden jedoch unabhängig voneinander verwaltet.